Das Collegium Academicum

„So ist aus dem Haus ein Mythos geworden“

aus dem Ruprecht, Nummer 40

Wer „Studentenbewegung“ sagt, meint meistens nur: 1968. Nicht so der ruprecht. In einer vierteiligen Serie beschäftigen wir uns mit – gänzlich unterschiedlichen – Formen studentischer „Revolte in Heidelberg“ während der 70er Jahre: mit dem „Sozialistischen Patientenkollektiv“ 1970/71 (vgl. ruprecht Nr. 35), mit den Unruhen bei Mathematikern, Juristen und Germanisten in der zweiten Haelfte des Jahrzehnts (ruprecht Nr. 37) – und, im hier zu lesenden dritten Teil der Serie, mit dem Ende des „Collegium Academicum“ 1978, das auch das Ende der Revolte signalisiert. Ein abschließender Artikel im naechsten ruprecht blickt zurueck auf die pragmatischeren 80er Jahre, den „Unimut“-Winter 1988/89.

„So ist aus dem Haus ein Mythos geworden“

Vom Ort der „re-education“ zum Hort der Rebellion – in einer Generation: das Collegium Academicum (1945-78)

Wenn Heidelbergs Studenten heute in den Räumen der Zentralen Universitätsverwaltung in der Seminarstrasse 2 erscheinen, um sich den bürokratischen Ritualen ihres Daseins zu unterwerfen, ahnen die wenigsten unter ihnen, daß sie Boden betreten, der einst ihnen gehörte. Zwischen 1945 und 1978 beherbergte das ausgedehnte Gebäude im Herzen der Altstadt ein selbstverwaltetes Studentenwohnheim, das „Collegium Academicum“ („CA“), das gut 120 Studenten Heimstatt bot.

Gegründet in einer Zeit, da sich die Universität nach Weltkrieg und Nationalsozialismus um einen Neubeginn bemühte, sollte das CA der „demokratischen Selbsterziehung“ seiner Bewohner dienen. Für anderthalb Jahrzehnte gab es akademische wie kulturelle Impulse, bevor es in den Sog der Studentenbewegung geriet, sich zu viele Gegner schuf und – als letzte Bastion der Revolte geradezu demonstrativ – geschliffen wurde. Geblieben von dem einmaligen Experiment ist so gut wie nichts.

Das Ende kommt im Morgengrauen, in Form mehrerer Hundertschaften der Polizei. Gegen 6 Uhr früh dringen Einsatzkräfte des baden-württembergischen „Sonder-Einsatzkommandos“ und eine Hundertschaft der uniformierten Polizei durch die hinteren Türen in das Wohnheim ein. Weitere vier Hundertschaften riegeln die Umgebung ab. Behelmt und bewaffnet mit Sturmleitern, Äxten und Motorsägen, verwüsten die Polizisten die Räume und kippen die Möbel durch die Fenster. Innerhalb kurzer Zeit ist der Bau geräumt; die gut 150 übermüdeten Bewohner – sie haben die Nacht über im Gebäude gewacht – versammeln sich im Hof und, so will es die RNZ gesehen haben, ziehen „im engen Block durch die Seminarstraße liedersingend ab“. „Dann“, so erinnert sich der Schriftsteller Michael Buselmeier in seinem Buch „Der Untergang von Heidelberg“, „wurden die Fenster mit Latten zugenagelt. Dem lebendigen Geist.“

Umrisse.

Was da am Morgen des 6. März des Jahres 1978 – einem Montag – sein Ende findet, ist bei seiner Gründung ein halbes Menschenleben zuvor ein mit hohen Hoffnungen befrachtetes Projekt gewesen. Die Geschichte beginnt im Oktober 1945: Der Krieg ist für die Deutschen kaum ein halbes Jahr vorbei, die Universität steht kurz vor ihrer Wiedereröffnung, im ersten Semester werden sich gut 2.600 Studenten einschreiben – aber sie drohen ohne Wohnung dazustehen. Der neugewählte Rektor, der Chirurg Karl Heinrich Bauer, überzeugt die amerikanische Besatzungsmacht, der Universität die „Alte Kaserne“ in der Seminarstraße als Wohnheim zu überlassen. In dem Barockgebäude, das seit seiner Erbauung um 1750 schon Jesuiten, Katholiken, Geisteskranke, Grenadiere, Schutzpolizisten, SA-Leute und die Soldaten des Wehrbezirkskommandos beherbergt hat, will er „das große Experiment eines ersten deutschen College… wagen“. Bald hat es auch seinen Namen: „Collegium Academicum“, „CA“.

Schon in der ersten Novemberhälfte ziehen die ersten Studenten ein. Unter ihnen ist Wolfgang Helbing, Jahrgang 1917, der nach langer Odyssee als Reserveoffizier nach Heidelberg kommt. Helbing erinnert sich: „Von den Bewohnern war etwa die Hälfte in meiner Situation: Kriegsteilnehmer; ein Drittel hatte irgendeinen Offiziersgrad. Die andere Hälfte waren Studienanfänger, Vorsemester oder solche, die das Studium wegen des Krieges hatten abbrechen müssen.“ Die älteren Jahrgänge – noch 1950 werden unter 135 Collegiaten 100 ehemalige Soldaten sein – prägen die Atmosphäre, Männer wie Bruno Schwalbach: „Ein ehemaliger U-Boot-Kommandant.“

Die Einrichtung des Collegiums ist dürftig. Hermann Weisert, Jahrgang 1925, der im Mai 1946 einzieht und bis 1953 im CA wohnt, weiß noch: „Ein Spind, ein Bett, jeder noch einen Schreibtisch – und damit hatte es sich schon. Man mußte schon jung sein, um das auszuhalten. Die Glühbirnen mußten wir hüten, das Zimmer haben wir immer abgeschlossen.“ Der Umgangston ist eher distanziert-bürgerlich: „Man blieb auch auf dem Zimmer lange beim ‚Sie‘. Wir wollten das ‚Du‘ nicht, das hatten wir beim Kommiß.“ Ende Januar 1946 kann der Leiter, Joachim G. Boeckh, dem Rektor berichten, daß 185 Studenten, in der Mehrzahl Mediziner, untergebracht sind – in Zwei-, Drei- und Vier-, „einige“ auch in Fünf-Bett-Zimmern. 65 Zimmer seien eingerichtet, „wenn auch nur in allerprimitivster Form“.

Noch während die CA-Bewohner mit den Widrigkeiten des täglichen Lebensbedarfs ringen, organisieren sie jenes Gemeinschaftsleben, das das CA in jenen Jahren zu einem einmaligen Experiment macht. „Das CA“, erzählt Wolfgang Helbing, „war kein Studentenhotel und keine WG im heutigen Sinne, sondern eine Form dazwischen – eine geistige Heimat für solche, die nicht nur ein Schmalspurstudium betreiben wollten.“ So entstehen schon bald die ersten Arbeitsgemeinschaften, „fächerübergreifend, ohne richtige Tutoren, nur mit Lebenserfahrung – das kam aus uns heraus, nicht von außen.“ Helbing erinnert sich: „Da fand kein outing statt, da wurde etwa die Frage erörtert, ob es wirklich viele Leute gegeben hatte, die keine Ahnung hatten, was im Dritten Reich geschah.“ Jeden Samstag- und Sonntagsabend veranstaltet der Leiter in seiner Wohnung „Offene Abende“, zu denen sich jeweils etwa 30 Bewohner einfinden, einer Lesung – Herodot, Thukydides, Büchner, Rilke – zuhören und diskutieren. „Diese Besprechungen“, so schreibt Boeckh, „sind das Wichtigste, das Fesselndste und das Schwerste. Sie gehen meist bis gegen Mitternacht und sind von einer solchen Lebendigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit, daß die Meinung mancher Menschen, die künftige Jugend sei dumpf und uninteressiert, als völlig unzutreffend zurückgewiesen werden muß.“ Collegiat Helbing empfindet solche Diskussionen als „geistige Befreiung“ – „weil ich jetzt mit Leuten wieder vernünftige Gespräche führen konnte“.

In diese Frühzeit des CA fällt auch der Beginn der CA-organisierten Vortragsreihen, die später für das „Studium generale“ der Universität stilprägend wirken werden. Zur Premiere spricht in der neu hergerichteten Aula des CA der Jurist Gustav Radbruch über die Frage „Was ist Demokratie?“; Karl Jaspers diskutiert einen Abend lang über seine Vorlesung „Zur Idee der deutschen Universität“, ein Studentenpfarrer referiert über „Gewalt und Recht“, die Frage „Können Söhne von Arbeitern und Bauern an der Hochschule studieren?“ wird erörtert.

Neben Arbeitskreisen und Vorträgen wird schnell die Selbstverwaltung zur dritten Besonderheit des CA. Als Joachim Boeckh im Oktober 1945 „Leitsätze“ für das CA postuliert, steht an erster Stelle der Satz „Das viel gebrauchte Wort von der Demokratie muß zur Tat werden.“ Diese Anregung aufnehmend, entwerfen die Collegiaten eine Grundordnung für das CA: „Außer dem amerikanischen Konzept war da nichts, wir haben bei Null angefangen“, erinnert sich Wolfgang Helbing. Zentrales Organ des CA wird der „Konvent“, die Vollversammlung der Collegiaten, der die „Regierung“ und die übrigen Organe der Selbstverwaltung wählt: den „Senior“ als Vertreter des ganzen Hauses, den „Präfekten“ als Betreuer des Hauswesens sowie beider Stellvertreter. In den folgenden Jahren wird die Selbstverwaltung zunehmend erstarken – und das Haus in gelegentliche Sinnkrisen stürzen.

Sinnsuche.

Anfang der 50er Jahre nämlich machen die Bewohner des CA eine merkwürdige Erfahrung: Die Selbstverwaltung, die, so Boeckhs Nachfolger Prof. Walther Peter Fuchs, „weiter geht als jede verwandte Organisation in der Welt“, ist, wie es ein Senior formuliert, „saturiert“. In der Folge begeben sich die Collegiaten auf die Suche nach dem, was sie in einer immer wiederkehrenden Formulierung „die Mitte“ des Hauses nennen: „Wäre es nicht unsere Aufgabe“, fragt etwa ein Senior 1951 in seinem Rechenschaftsbericht, „nachdem wir uns bisher fast ausschließlich mit unseren internen Problemen beschäftigt haben, nun mehr in das Gesamte der Universität hineinzuwirken?“ Die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich ist, wie Wolfgang Helbing resigniert feststellt, „nicht erfolgt“; Gerd Steffens, der von 1963 bis 1970 im CA wohnt, kommentiert heute: „Das CA hatte, nicht anders als die bundesrepublikanische Gesellschaft jener Jahre, die Bedingungen seiner Herkunft verdrängt.“

Auf ihrer Sinnsuche sind die Collegiaten schließlich erfolgreich. Beginnend mit dem Besuch einer Leipziger Theatergruppe im Sommer 1956, werden für die folgenden fünf Jahre die sogenannten „Ostkontakte“ des CA, vor allem Studienfahrten nach Berlin, zur „Mitte“. Bei dem ersten Treffen haben die Collegiaten die „für uns doch ziemlich peinliche Erfahrung“ gemacht, daß die Gesprächspartner aus dem Osten ihnen in der Debatte überlegen sind. Das Resultat: Im CA beginnt eine zaghafte Marx-Rezeption; Arbeitsgemeinschaften diskutieren das „Kapital“, Ernst Bloch spricht zweimal im CA. Als nach dem Bau der Mauer im August 1961 die DDR-Kontakte entfallen, wenden sich die Collegiaten einer osteuropäischen Alternative zu: Zwischen 1964 und 1968 treffen sich Heidelberger Studenten und – zum ersten Mal auch – Professoren zum Meinungsaustausch mit ihren Gegenübern von der Prager Karls-Universität. Erst das Ende des „Prager Frühlings“ und die sich zuspitzende hochschulpolitische Situation in Heidelberg wird 1968 diesen „west-östlichen, westdeutsch-tschechoslowakischen Dialog“ (Steffens) beenden.

In den sonst eher geruhsamen 50er Jahren kündigt sich auch schon eine Entwicklung an, die das CA schließlich die Existenz kosten wird: Das Haus öffnet sich zunehmend nach außen, in die Universität hinein. Seit Mitte der 50er Jahre kommen die AStA-Vorsitzenden häufig aus dem CA, bildet das Haus bei studentischen Debatten und Aktionen – etwa um die Wiederbewaffnung oder die Wiederzulassung der Korporationen – eine Art Kristallisationskern, prägen Collegiaten auch die Heidelberger Studentenzeitschrift forum academicum, wird das „Theater im Gewölbe“ zu einer der besten deutschen Studentenbühnen.

Allem politischen und kulturellem Engagement zum Trotz: Als sich in den späten 60er Jahren auch in Heidelberg die Studentenbewegung regt, bildet das CA „keineswegs eine Vorhut, sondern eher den Nachtrab“ (Steffens). Ein Doktorand der Soziologie, der 1966/67 das CA zum Thema seiner Dissertation macht, findet, „eine politische Figur wie beispielsweise der Berliner SDS-Führer Dutschke wäre im Collegium Academicum völlig undenkbar“ – und tatsächlich steht die Mehrzahl der CA-Mitglieder der Studentenbewegung anfänglich allenfalls neugierig gegenüber. Doch seit Anfang 1968 finden sich auch im CA immer mehr Studenten, die sich engagieren wollten, und seit Mitte 1970 werden die Selbstverwaltungsorgane weitgehend von Sympathisanten der APO gestellt; als die Heidelberger Polizei am 10. Januar 1969 den AStA stürmt und 12 Studenten verhaftet, sind darunter vier Collegiaten.

Die Revolte erfaßt auch die Binnenstruktur des Hauses: 1969 werden erstmals Frauen aufgenommen, werden die Räume im Erdgeschoß und die Aula im ersten Stock studentischen Gruppen verschiedenster Provenienz für Treffen und Veranstaltungen geöffnet. Das neue CA-Statut von 1971 stärkt die Autonomie des Hauses – und verpflichtet die Bewohner, „ein kritisches Bewußtsein von Wissenschaft und Gesellschaft (zu) erarbeiten und wirksam (zu) machen“; die Aufnahmekommission ist sich einig, nur „Sozialisten im weitesten Sinne“ zuzulassen.

Reservat.

Selbst als die Studentenbewegung sich nur noch in Rückzugsgefechten findet und das konservative rollback beginnt – schon Anfang der 70er Jahre, mit Macht ab 1975 -, bleibt das CA ein linkes Reservat. Hier besuchen linke Studenten Arbeitskreise zu „Marxismus und Psychoanalyse“ und sehen im Kellerkino Filme, „die im aktuellen Bezug sowohl zur gegenwärtigen Situation in Indochina wie auch zu den momentanen Kämpfen der internat(ionalen) Arbeiterklasse stehen“. Reinhard Bütikofer, der beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) Politik macht und später zu den Grünen geht, wird sich erinnern: „Das CA hat ein Stück weit die alte Stärke konserviert, als es drumherum schon ziemlich düster aussah. Ich kann mich nicht erinneren, daß wir 1977, 1978 irgendwas Intelligentes zustandegebracht hätten. Im CA ließ sich das ein bißchen leichter vergessen.“

Das „letzte befreite Gebiet“ CA (Michael Buselmeier) ist freilich schon Jahre vor seiner Schließung überständig. Tatsächlich ist schon seit der Wahl des konservativen Prof. Hubert Niederländer zum Rektor Ende 1972 die Trendwende unvermeidlich. Im Sommersemester 1973 versagt das neue Rektorat – erstmals in der CA-Geschichte – die Genehmigung für zwei Tutorenarbeitskreise (ein symptomatischer Vorgang, der sich wiederholen wird). In den Augen der Öffentlichkeit sind schon lange alle Aktivitäten, für die das CA eingedenk seiner toleranten Tradition Raum gegeben hat, dem Haus selbst zugeschrieben worden, und so ist es nicht nur im Jargon der Heidelberger Polizei zur „Roten Zelle“ der Heidelberger Studentenschaft geworden. Daß im CA nicht die Kader-Linken, sondern eher Undogmatische und Unorganisierte den Ton angeben, ist für viele Beobachter eine zu subtile Differenzierung.

Folgerichtig beschließt am 18. Februar 1975 der Senat, das Gebäude zu renovieren und der Universitätsverwaltung zu überlassen; über das CA heißt es: „Mit Beginn der Renovierung wird die jetzige Institution aufgelöst.“ Die Collegiaten wehren sich mit Demonstrationen, Offenen Briefen an den Rektor, Leserbriefen in Tageszeitungen, Eingaben an den Senat, einem Brief an die Bevölkerung, einem Protest-Fest im Innenhof; 18 Collegiaten treten gar in einem dreitägigen Hungerstreik. Es hilft nichts: Nach einem Rechtsstreit erfolgt am 6. März, im Morgengrauen, die Räumung, die die Niederlage der Studentenbewegung symbolisch besiegelt. Reinhard Bütikofer kommentiert: „Wenn man das CA gelassen hätte, hätte das Modell nicht überlebt. So ist aus dem Haus ein Mythos geworden.“

Epilog.

Erstaunlich ist, wie wenig Spuren bleiben. Victor Hugos romantisch-historischer Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ beginnt mit jener Episode, in der der Erzähler in einem finsteren Winkel der Kirche das mit der Hand in der Wand eingegrabene griechische Wort für „Verhängnis“ entdeckt – letzte Spur des Schicksals eines Menschen, der, so Hugo, „seit Jahrhunderten aus der Mitte der Geschlechter getilgt“ ist. Auch das CA hat „außer dem gebrechlichen Andenken“ (Hugo) ehemaliger Bewohner kaum mehr als ein solch hilfloses Zeichen hinterlassen: Auf der Herrentoilette des Seminars für Alte Geschichte kann man, an der Wand in Augenhöhe zwischen zwei Pinkelbecken, einen kleinen, verblaßten gelben Aufkleber bemerken. Er ruft für den 26. Januar 1978 zu einer Demonstration auf. Das Motto der Kundgebung: „Das CA bleibt da!“ (bpe)

Quellen u.a.: W. Schmitthenner, „Studentenschaft und Studentenverbindungen nach 1945“, in: W. Doerr (Hrsg.), Semper Apertus; E. Wolgast, Geschichte der Universität Heidelberg; Denkschrift 1985-1985 & Denkschrift 1985-1992, hrsgg. v. d. Vereinigung ehemaliger Mitglieder des CA; H. U. Störzer, „Das Collegium Academicum der Universität Heidelberg“, in: Ruperto Carola 55/56, 1975; H. Schweitzer, Kollegienhaus in der Krise; G. Steffens, „Collegium Academicum 1945-1978 – Zur Lebensgeschichte eines ungeliebten Kindes der Alma mater Heidelbergensis“, in: K. Buselmeier (u.a. Hrsg.), Auch eine Geschichte der Universität Heidelberg; Zeitzeugen: M. Buselmeier, R. Bütikofer, W. Helbing, H. Weisert, J. Wolfinger (Dank); RNZ (Dank ans Archiv); Uni-Archiv (Dank an Frau Hunerlach).

CA und Studentenbewegung – Ein Gespräch mit Michael Buselmeier

„Das letzte befreite Gebiet“

ruprecht: Sie sind schon Mitte der 50er Jahre, als Schüler, im CA ins „Theater im Gewölbe“ gegangen. Noch wichtiger aber wurde das CA für Sie natürlich ’68…

Buselmeier: Ja, als das CA sozusagen unser Hort war, wo viele wichtige teach-ins und Gespräche mit Peter Brückner, mit Ernest Mandel – mit den großen Leuten, die uns unterwiesen, was wir denn eigentlich zu machen hätten – stattfanden, aber auch Mitglieder-Versammlungen des SDS (des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, d. Red.), die sehr spannend waren…

ruprecht: Wo genau war das?

Buselmeier: In der Aula im 1. Stock, vom Mittelgang links, gelegentlich auch in der Mensa im Erdgeschoß, wenn man reinkam, gleich rechts. Zu den SDS-Versammlungen kamen gelegentlich prominente Gäste, wie Hans Jürgen Krahl aus Frankfurt; der redete zwei Stunden ohne Punkt und Komma. Die Genossen, die ihn aus Frankfurt gebracht hatten, weil er nicht autofahren konnte, sagten, so, wir gehen jetzt eine Pizza essen, dann holen wir dich wieder ab. Nach zwei Stunden kamen sie wieder, packten ihn ein und gingen.

ruprecht: Sie sagten, das CA sei ein Hort gewesen…

Buselmeier:Sie müssen sich vorstellen, daß die Studentenbewegung in Heidelberg unglaublich stark war im Verhältnis zu anderen mittleren Städten…

ruprecht: Sie dauerte auch länger…

Buselmeier: Ja, sie hat relativ lange angehalten, über die Notstandsgesetzdebatte im Mai ’68 hinaus. Das war nicht unsere Niederlage…

ruprecht: Die kam später…

Buselmeier: Ja, unsere Niederlage kam später, mindestens ein Jahr später, und selbst dann konnte sich die Bewegung fortsetzen, in die verschiedenen Nachfolgeorganisationen. In den frühen 70ern, nach der Spaltung (der Studentenbewegung, d. Red.), gab es im CA Tutorien, die sehr fortschrittlich waren – Musik, Theater, Philosophie. Ich habe drei Jahre lang, bis ’74, ein Tutorium gemacht…

ruprecht: Die Tutorien kamen aus den 50er Jahren…

Buselmeier:Die hatten wir am Ende noch. Und dann: Wenn wir bei Demonstrationen von den Bullen durch die ganze Stadt verfolgt wurden – das war manches Mal nicht so ein arger Spaß -, war der Vorhof des CA, der ja historisch ein Ehrenhof ist, sozusagen tabu; wenn wir da drin waren, sind die Bullen nicht nachgekommen, das war befreites Gebiet. Dahin konnten wir uns zurückziehen. Darum war das CA der Ort, wo die heroischen Debatten stattfanden, wo später die Leute vom KBW (vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands, d. Red.)das Sagen hatten, später auch die Spontis sehr stark waren mit ihrem KOZ, ihrem Kommunikationszentrum, mit dreisten Festen, wo man die Herrschenden verarscht hat…

ruprecht: Der AStA war ja gleich um die Ecke…

Buselmeier: In der Grabengasse, gleich neben dem Ziehank…

ruprecht: Wo heute die Mensa ist…

Buselmeier: Im 3. Stock. Ja, das CA – Ort der Debatte, der Feste, der Ort, an den wir uns massenhaft zurückziehen konnten – und zunehmend auch der Ort der Drogen. In den frühen 70er Jahren war die Untere Straße eine der Drogenmeilen Deutschlands gewesen; das war wirklich wild. Das wurde eine Weile toleriert, bis der Zundel…

ruprecht: Der damalige SPD-Oberbürgermeister Reinhold Zundel…

Buselmeier: … Sauberkeit reinbringen wollte. Er schmiß die Drogenszene da raus, modelte die Altstadt um, vertrieb die Studenten, die da wohnten, und zerschlug gleichzeitig – mit Hilfe des Rektorats, der „Rhein-Neckar-Zeitung“, des Landgerichtspräsidenten und anderer – die Studentenbewegung. Die linksradikalen Studenten lungerten auf der Straße rum, die Penner waren da, und die Drogenszene war da – und das schwappte jetzt alles in das CA rein. Das war ja das letzte befreite Gebiet. Auch halbkriminelle Elemente… Ich erinnere mich noch an die letzten Tage des CA, wenn man da ein Treffen machte, hörte man oft im Nebenraum Leute Regale aus der Wand reißen oder Möbel abschleppen…

ruprecht: Im Frühjahr 1978, als schon klar war, daß es zu Ende geht?

Buselmeier: Ja. Ich habe nicht arg geheult um das Ding, soll es weg sein, es war arg vergammelt, und da lagen die Penner in den Gängen herum, die Drogentypen, und man konnte kaum eine Sitzung machen, immer torkelte einer herein und störte…

ruprecht: Und die Schließung?

Buselmeier: Wir wollten das CA ‚organisiert‘ schließen, mit einer Lyriklesung in der Aula – aber dann kamen die Bullen doch nicht. Wir dachten jeden Abend, die kommen, hoffentlich kommen die bald, damit das mal aufhört…

ruprecht: Was am 6. März geschah…

Buselmeier: Es gab eine Telephonkette. Ich wohnte ja nicht im CA, da wurde ich angerufen, nachts, recht dramatisch, der Boden dröhnt, hieß es, die Bullen nahen, massenhaft Bullen, (lacht) die ganze Autobahn ist voller Bullen, der Boden dröhnt – und das stimmte irgendwie. Als ich mit dem Fahrrad von Rohrbach, wo ich damals wohnte, in die Stadt radelte, hörte ich auch so ein Dröhnen, und auch als die Polizei dann vor dem CA ankam, war dieses Dröhnen da. Wir waren höchstens 200 Leute, oben in der Aula, und immer wieder stieg einer auf den Tisch und sagte was – und da habe ich zum ersten Mal den Bütikofer gesehen…

ruprecht: Reinhard Bütikofer, damals noch beim KBW…

Buselmeier: Der stand auf dem Tisch und sagte, Genossen, wir müssen das Haus verteidigen. Auf dem Hof stand ein alter, vergammelter VW, der sollte vor das Tor gestellt werden, um den Vorhof abzuriegeln. Und der Bütikofer sagte, wir müssen uns wehren – und das war vollkommen sinnlos. Dann kamen die Bullen, stellten vor dem Tor Wagen auf, die Flutlichtmasten ausfahren konnten, und strahlten das Gebäude an. Derweil kamen die Eliteeinheiten – das waren 1.500 Bullen, unfaßlich, wegen uns 200 lächerlichen Leuten – von hinten geentert, wo das Gelände höher liegt, und während sie reinkamen, gingen wir vorne schon raus. Die Polizisten haben sofort die Möbel aus den Fenstern gekippt, und es waren Handwerker da, die die Fenster zunagelten. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mit den anderen mitmarschiert oder nach Hause gefahren bin. Es war das Symbol der totalen Niederlage.

ruprecht: Sie sind nicht allzu traurig über den Untergang des CA?

Buselmeier: Es war sowieso aus. Wir hatten ja nichts von unseren Positionen verteidigen können. Wir haben sie relativ lange verteidigt, fast zehn Jahre über ’68 hinaus waren bestimmte Bastionen der Universität immer noch befreite Gebiete, etwa das Pädagogische Seminar. Irgendwann war es dann vorbei…

ruprecht: Und die Linke…

Buselmeier: Wir verloren Schritt um Schritt jeden Raum. Vorher beherrschten wir die Institutsgruppen, die Studenten nahmen sich den Hörsaal 13, wenn sie ihn brauchten, und verhinderten, daß Professoren Vorlesungen hielten oder Zundel einen Vortrag. Es schleppte sich so dahin, aber spätestens ab ’75 ging es langsam zu Ende. Es hatte keinen Sinn, ein leeres CA zu verteidigen – gegen wen? Sie hatten gewonnen, und das war ihr gutes Recht. Jetzt kommt diese Heuchelei, die Zentrale Universitätsverwaltung „Carolinum“ zu nennen, wo man schon die Geschichte des „Seminarium Carolinum“ kennen müßte, der Pflanzschule der Jesuiten, die das Gebäude mal war – aber „Seminarium“ wollen sie lieber nicht hinschreiben, „CA“ schon gar nicht. Wer versteht schon „Carolinum“? Aber „CA“ soll nicht mehr kommen, und „ZUV“ klingt wie DDR. Es war alles aus, und das war gut so.

ruprecht: Und danach?

Buselmeier: Die Niederlage war so gründlich, daß anschließend die völlige grüne Friedfertigkeit ausgebrochen ist. Die Szene ist sozialdemokratisiert. Ich merke bei Führungen, daß die Menschen keine Ahnung mehr haben, vielleicht muß das auch nicht sein, aber irgendwann wird es wieder kommen, daß die Leute fragen, was haben die damals gemacht – die haben die Uni beherrscht, die haben sogar ein wenig die Stadt beherrscht… (Interview: bpe)